Freitag, 2. Dezember 2011

de Sade – Sie behandelten den Falschen

Der Marquis de Sade (1740-1814) starb an einem 2. Dezember 74-jährig ganz in der Nähe seiner Geburtsstadt Paris. Am Sterbeort Charenton-Saint-Maurice war er die letzten elf Jahre seines Lebens Insasse einer Irrenanstalt. Als 'irre' galt der außerordentliche Aufklärer gleichermaßen im feudalen, im revolutionären, im napoleonischen und im restaurativen Frankreich. Verletzte er etwa mit seinen 'sadistischen Perversionen' die Grenzen jeglicher Zivilisiertheit, jeglicher Normalität? Was aber ist normal? Es scheint nach wie vor normal zu sein, gute, zivilisierte Miene zum bösen Spiel eines mehr oder weniger kaschierten Wahnsinns zu machen: des despotisch wie des demokratisch herrschenden, des privat wie des öffentlich autorisierten. Sigmund Freud, dessen Psychopathologie der Marquis in vielem vorwegnahm, unterschied das Lustprinzip vom dieses maßregelnden Realitätsprinzip. De Sade phantasierte das Lustprinzip in seinen pornographisch-philosophischen Romanen aus und orientierte sich auch im Leben daran. Weil er – radikaler als sein älterer Zeitgenosse Jean-Jacques Rousseau – das natürlichere (?) Leben wählte, wurde sein Treiben und Wähnen abwechselnd für straffällig und geistesgestört gehalten oder für beides zugleich. Doch hat sich daneben die Frage nach dem tätsächlichen Ungeist erhoben, den bloßzustellen seinerzeit so ungeheuer herausfordernd war – und nach wie vor ist.

QUELLEN
Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung (Fischer 1969)
Lutz (Hg.): Philosophen Lexikon (Metzler 1995)

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