Donnerstag, 15. Dezember 2011

Le Bon – Von Masse und Klasse

Gustave Le Bon (1841-1931) starb an einem 15. Dezember 90-jährig in Paris. Er kann als der Vor(be)reiter der modernen Sozialpsychologie angesehen werden, freilich ohne bereits die Kriterien von deren Wissenschaftlichkeit in genügendem Ausmaß erfüllt zu haben. So ist sein Hauptwerk "Psychologie der Massen" von 1895 mehr ein polemisches Buch als eine empirisch untermauerte Abhandlung. Ihm unterläuft geradezu ein Selbstwiderspruch: Nach seinem Verständnis von Masse lässt sich diese durch Behauptungen manipulieren, die nicht begründet werden, sondern lediglich eine hinreichende Suggestionskraft haben; und ganz ähnlich wirkt eben auch sein Buch auf den Leser. Dennoch hat er ein Thema getroffen, das seitdem in Wissenschaft und Gesellschaft keine Generation mehr loslässt. Damals war es vor allem die Arbeiterbewegung, die elitäre Gemüter auf den Plan rief, zum Beispiel einen Nietzsche, der das dekadente Zeitalter des sozialistischen "Herdentriebs" heraufkommen sah. Was tatsächlich kam, war der Führer-Volk-Komplex der nationalsozialistischen Rassen- und Kriegs-Propaganda. Hitler & Co. hatten auf ihre Art die Lektion Le Bon gelernt. Aber auch die Anti-Faschisten der Nachkriegszeit machten gegen ihre 'Zielscheiben' massenpsychologisch auf durchaus ähnliche Weise mobil, sei es "volksdemokratisch" als Staatsmacht, sei es in "roten Zellen" unter Gruppenzwang. Gut hundert Jahre nach Le Bon und seinem aus der Mode gekommenen Schlagwort Massenseele schließt sich das Phänomen der sozialen Netzwerke an. Und in Anbetracht der online-menschlichen "Weisheit der Vielen" bzw. "Schwarmintelligenz" laufen die elitären Stimmen am Ende noch Gefahr, kleinlaut zu werden.

QUELLEN
Jens (Hg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon (1988ff.)
Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie (Schwabe 1971ff.)

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