Dienstag, 6. Dezember 2011

de Man – Die Leiden des Begriffs am Gerede

Paul de Man (1919-1983) wurde an einem 6. Dezember in der Flamenmetropole Antwerpen geboren. Als im Sommer 1940 Belgien von Nazideutschland eingenommen wurde, misslang ihm die Flucht. Sein Onkel, der sozialistische Minister Hendrik de Man, verhalf dem knapp 21-Jährigen daraufhin zu einer Kulturredakteursstelle bei der Brüsseler Tageszeitung "Le Soir", die zur Kollaboration mit der Besatzungsmacht bereit war. Zwölf Jahre später wurde die Auswanderung in die USA nachgeholt. Der Harvard-Student promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft. Über diese Disziplin hinaus machte er sich einen Namen als Begründer der Dekonstruktivismus genannten Methode des Lesens von Texten. Diese 'Abgehobenes abbauende', auf Heideggers Wendung von der "Destruktion der Metaphysik" zurückzuführende Lesart teilte er mit seinem philosophischen Freund Jacques Derrida, nicht ohne dabei besondere Akzente zu setzen. De Man hielt Wissenschaften, das heißt Systeme von Begriffen, für sprachlich nicht darstellbar; denn in seiner unvermeidlichen Wortgestalt sei jeder Begriff zugleich und vor allem ein rhetorischer Ausdruck, der den Anspruch einer logischen Systematik auf Schritt und Tritt hintertreibe. Mündlich oder schriftlich Gesagtes behalte auch dann seinen von Grund auf poetischen Charakter, wenn die Redeabsicht eine verallgemeinernd lehrhafte sei. Daher könne nur den bewusst philologisch ('wortliebhaberisch') angelegten Texten ohne Abstriche zugestimmt werden. – Nach Zwischenstationen in Ithaca, Zürich und Baltimore lehrte de Man zuletzt an der Yale University in New Haven, wo er 64-jährig starb.

QUELLEN
De Man: Allegorien des Lesens (Suhrkamp 1989)
Zima: Die Dekonstruktion (Francke/UTB 1994)

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