Samstag, 17. Dezember 2011

Anders – Wir sind nicht mehr

Günther Anders (1902-1992) starb an einem 17. Dezember in Wien. Dort hatte der im reichsdeutschen Breslau Geborene sich niedergelassen, als er 1950 aus der amerikanischen Emigration nach Europa zurückgekehrt war, der Adenauer-BRD ebenso ausweichend wie der Ulbricht-DDR. Die zuvor in den USA schriftlich festgehaltenen Eindrücke finden sich großenteils in einem 1956 erschienenen Buch über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution wieder, der 'Fließbandarbeit'-Phase des technischen Fortschritts. Stattdessen könnte man auch 'Flimmerkisten-Phase' sagen; denn die Bilder im seinerzeit aufkommenden Fernsehen wirken als künstliche Urbilder (statt Abbilder) ähnlich degradierend auf den Zuschauer wie die Fließbänder als künstliche Führungskräfte (statt Werkzeuge) auf den Arbeiter. Solche High-Tech-Produkte entwickelnd, sorgt der Mensch also für den Verlust seiner Subjektivität. Indessen hat er es als herstellender homo creator noch weiter gebracht: bis zur Atombombe. Der Fortsetzung seines Hauptwerks Die Antiquiertheit des Menschen hat Günther Anders 1980 (unter anderem) darum den Untertitel gegeben: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Er hat demnach "das Prinzip Hoffnung" ausdrücklich nicht so sehr hochhalten können wie sein optimistisch philosophierender Freund Ernst Bloch, sondern den Fokus mehr auf die Apokalypse-Blindheit all derer lenken wollen, die sich heutzutage massenkulturbedingt (mit Worten Neil Postmans) 'zu Tode amüsieren'. So war es durchaus treffend gesagt, was einmal von einem Studenten in einen Seminartisch geritzt worden sein soll: "Ernst Bloch spricht: Wir sind noch nicht. Ernster als Bloch: Wir sind gerad noch. Anders wär: Wir sind nicht mehr."

QUELLEN
Diner (Hg.) Zivilisationsbruch – Denken nach Auschwitz (Fischer 1988)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)

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