Mittwoch, 9. November 2011

Theodor Geiger – Unerfüllte Träume eines nüchternen Sozialforschers

An einem 9. November wurde in München Theodor Geiger geboren (1891-1952). Er wuchs in Landshut auf, war Soldat im Ersten Weltkrieg und schloss in Würzburg ein Jurastudium ab. In Berlin und Braunschweig als Soziologe lehrtätig, trat er nach fast zehnjähriger Mitgliedschaft 1932 aus der SPD aus, die ihm als unorthodoxem Linken auf die Dauer zu dogmatisch war. Dem politisch zunehmend pragmatisch Eingestellten schwebte eine Demokratie ohne Dogma vor. Mehr noch als die damit verbundene Abkehr von der marxistischen Zwei-Klassen-Ideologie – er selber entwickelte ein differenziertes Schichtenmodell der Gesellschaft – bedeutete ihm ein intellektueller Kampf auf breiter Front gegen Auswüchse von Stimmungsdemokratie. Dieser, wie überhaupt noch der verlogensten Massenreklame, erliege eine nicht hinreichend aufgeklärte Bevölkerung allzu leicht; am folgenschwersten bei der Wahl der Nationalsozialisten, welche die Selbstabschaffung der ersten deutschen Demokratie bedeutete. Geiger, mit einer Dänin verheiratet, floh vor dem Nazi-Regime nach Skandinavien, wo er als Pionier in Sachen Sozialwissenschaft zu hohem Ansehen gelangte. An seinem erfahrungswissenschaftlichen Forschungsansatz lag es, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Nordamerika gern gehört wurde. Während einer Rückreise von dort nach Dänemark starb der 60-Jährige völlig unerwartet auf hoher See.

QUELLEN
Geiger: Demokratie ohne Dogma (Szczesny 1963)
Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie (Beck 2000)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen