Dienstag, 22. November 2011

Mauthner – Befreiung vom Wortaberglauben

Fritz Mauthner (1849-1923) wurde an einem 22. November im böhmischen, damals kaiserlich-österreichischen Horschitz (tschechisch: Horice) geboren. Der jüdische Fabrikantensohn begann in Prag auf Anraten des Vaters ein bald abgebrochenes Jurastudium, währenddessen er den Philosophen und Physiker Ernst Mach hörte. Er entschied sich, sprachkritischer Autodidakt und freier Schriftsteller zu werden.

Die Sprache ist nach seinem Verständnis die lebendige und wundervolle Materie des Dichters; als ein solcher versuchte er sich selber mit einigem Erfolg. Für den alltäglichen Gebrauch tauge sie indessen nur bedingt und diene sie mehr als zur Verständigung zur Missverständigung. Daher eigne sie sich auch vorzüglich als Propagandamittel in Werbung und politischer Rhetorik. Gänzlich fehl am Platz erscheint sie – in Anbetracht ihres metaphorischen Charakters – in der Wissenschaft. Man könne nur Wörter zur Sprache bringen, sprich: mit anderen Wörtern umschreiben, aber keine wirklichen Dinge.

Mauthner ist in diesem Punkt ein extremer Skeptiker. Er pflichtet nicht nur den Nominalisten bei, die im mittelalterlichen Universalienstreit den "Wortrealisten" widersprachen, für die zum Beispiel über diesem und jenem einzelnen Pferd hinaus auch die allgemeine 'Pferdheit' real existierte. Die radikale Kritik der Sprache macht noch mehr Abstriche: Zwar kann von Einzeldingen die Rede sein, aber deshalb kommen sie lediglich in der psychischen Innenwelt, noch lange nicht in der Außenwelt vor. Obwohl diese uns eine Fülle von sinnlichen Eindrücken liefert, muss das alles nicht von dingfesten Gegebenheiten herrühren. Dass wir in unserem stets sprachlichen Denken Substantive verwenden, zeugt noch nicht von außersprachlichen, bewusstseinsunabhängigen Substanzen. Um einiges treffsicherer sind da schon die Adjektive und Verben im Wiedergeben der Impressionen, die wir von der Außenwelt empfangen. Am beeindrucktesten indes beweisen wir uns, wenn wir in ein gottlos-mystisches Schweigen versinken und auf diese Weise den Wortaberglauben restlos wegmeditieren.

Mauthner, der in vielem den Sprachanalysen Wittgensteins vorgriff, lebte in zweiter Ehe zurückgezogen am Bodensee, wo er 73-jährig starb. Bis zuletzt brachte er seine Einsichten ausgiebig zu Papier – 
in allgemein(miss)verständlicher Sprache.

QUELLEN
Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (Ullstein 1982)
Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha (Libelle 2010)

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