Sonntag, 6. November 2011

Luhmann – Umständliches Zeugen von Menschenkenntnis

An einem 6. November starb im ostwestfälisch-lippischen Oerlinghausen Niklas Luhmann (1927-1998). Im nahegelegenen Bielefeld hatte der gebürtige Lüneburger ab 1969, dem Gründungsjahr der dortigen Universität, die ihm "über alles zu reden" erlaubende Soziologie gelehrt. Er pflegte mit der Behauptung zu provozieren, die Gesellschaft bestehe nicht aus Menschen. Menschen gehörten vielmehr zur Umwelt der Gesellschaft und der Systeme, die in ihr zusammenspielen, zum Beispiel von Politik und Wirtschaft, von Wissenschaft und Gesundheitswesen, von Religion und Erziehungssystem. Die sozialen Systeme, von denen sich noch etliche weitere aufzählen ließen, unterscheiden sich nach Luhmann voneinander dadurch, wie in ihnen kommuniziert wird, und nicht etwa dadurch, wer in ihnen eine Rolle spielt. Die moderne Gesellschaft ist hochkomplex, aber nur indirekt wegen hoher Bevölkerungszahlen, unmittelbar hingegen wegen der sehr unterschiedlichen Funktionen des Kommunizierens. Funktional differenziert zu sein, ist ihr Wesensmerkmal, vor dem die Gliederung nach sozialen Schichten und erst recht die nach Stammesverbänden vernachlässigbar wird. Dieser Entwicklung Rechnung tragend, präsentiert sich die Luhmannsche Gesellschaftslehre nicht mehr als soziologische Anthropologie, sondern als soziologische Systemtheorie. Obwohl sich in ihr vom Menschen als 'Umwelt-Phänomen' ein so vielsagendes Profil abzeichnen mag wie nirgendwo sonst.

QUELLEN
Luhmann: Einführung in die Systemtheorie (Carl Auer 2002)
Luhmann: Einführung in die Theorie der Gesellschaft (Carl Auer 2009)

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