Freitag, 11. November 2011

Kierkegaard: einer, der zweifelnd-verzweifelt er selber war

An einem 11. November starb in Kopenhagen der dort auch geborene Sören Kierkegaard (1813-1855). Wer ihm Mitte der 1840er Jahre in der damals noch kleinstädtischen dänischen Hauptstadt flüchtig begegnete, erhielt den Eindruck eines dandyhaften Lebemanns. So gab sich der finanziell unabhängige Lieblingsspross eines betuchten protestantischen Tuchhändlers, und das ererbte Vermögen sollte gerade aufgebraucht sein, als er 42-jährig einem Schlaganfall erlag. Wer er wirklich war, verbarg er auch als Schriftsteller – hinter vielen Pseudonymen. Zum Beispiel nannte er sich als Autor von "Entweder – Oder", seinem ersten Hauptwerk, Victor Eremita. Der Name bedeutet wörtlich "Siegender Einsiedler". So sehr er auch mit Selbstbezeichnungen spielte, wollte er sich, jedenfalls auf längere Sicht, mit dem 'allgemeinen Ich' der Vernunftphilosophen nicht identifizieren. Indem er, radikaler zweifelnd als einst Descartes, das Ich aus der erkenntnistheoretischen Evidenz in die persönliche Existenz zurückholte, vollbrachte er in seiner Verzweiflung eine lebensphilosophische Wende. Danach liegt es an jedem einzelnen Menschen, für sich selber den Ernst seines Lebens aufzudecken. Der Christ Sören Kierkegaard entdeckte auf diese Weise die volle Ernsthaftigkeit des 'unvernünftigen' Gottesglaubens, der immer wieder aufs Neue augenblicklich gewagt sein will statt wie im verweltlichten Christentum risikolos bis zur Unkenntlichkeit gepflegt.

QUELLEN
Fellmann: Lebensphilosophie (Rowohlt 1993)
Sloterdijk/Groys (Hg.): Philosophie jetzt! Kierkegaard (Diederichs 1996)

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