Donnerstag, 10. November 2011

Friedrich Schiller – Die Öffnungszeit seiner 'philosophischen Bude'

An einem 10. November wurde in Marbach am Neckar Friedrich Schiller geboren (1759-1805). Seine lyrischen und dramatischen Werke machten ihn zu einem Klassiker der deutschen Literatur. Gesundheitlich schwer angeschlagen, unterbrach der 31-Jährige seine schöpferische Tätigkeit auf ungewisse Zeit. Auch die Professur für Geschichte, die der angehende Familienvater in Jena bekommen hatte, musste ruhen. Finanziell half nun ihm und den Seinen eine Pension des Herzogs von Augustenburg. Dafür versprach er diesem die Früchte eines Selbststudiums im Krankenbett: Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Sie verdanken sich philosophisch der eingehenden Lektüre von Schriften Immanuel Kants, der in den 1780er Jahren seine drei Epoche machenden "Kritiken" veröffentlicht hatte. Nach Kant zeichnet den Menschen – mit Schiller gesagt – ein idealischer Formtrieb aus, dem im praktischen Leben allerdings ein ebenso menschlicher sinnlicher Stofftrieb widerstrebt, und zwar dermaßen, dass bei unsereins von einer schier unüberwindlichen Kluft zwischen Sein (Leben) und Sollen (Ideal) gesprochen werden müsse. Schillers ästhetische Briefe lassen es bei dieser Kantischen "Scheidekunst" nicht bewenden. Sie nähren die idealistische Überzeugung, zwischen dem Ideal und dem Leben vermitteln zu können, und zwar dank eines dritten humanen Wesenszugs: des Spieltriebs. Dieser werde in der Sphäre der Kunst am nachhaltigsten befriedigt und könne von dort auch auf das Publikum mächtig ausstrahlen. 1795 erschienen die Briefe in Buchform; als Krönung einer ganzen Reihe von Beiträgen zur Kunsttheorie – oder soll man sagen: zu einer Kunstreligion? Am Ende desselben Jahres teilte der 36-Jährige seinem Freund Goethe mit: "Es ist hohe Zeit, dass ich für eine Weile die philosophische Bude schließe." In der verbleibenden Lebensphase trotzte er dem tödlichen Leiden noch eine erstaunliche Anzahl von genialen Ausgestaltungen seines dichterischen Spieltriebs ab. Denn seine ästhetische Philosophie sollte kein leeres Gerede gewesen sein.

QUELLEN
Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus (Hanser 2004)
Schiller: Theoretische Schriften. Text und Kommentar (Deutscher Klassiker Verlag 1992)

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