Sonntag, 27. November 2011

Flusser – Die Welt im Haus

Vilém Flusser (1920-1991) starb an einem 27. November in Prag, wo er auch zur Welt kam. Die Welt lernte er notgedrungen weitläufiger kennen; denn er flüchtete vor den Nazis über England nach Brasilien, von wo die Familie in der Zeit der Militärdiktatur nach Europa zurückkehrte, um sich in Südfrankreich niederzulassen. Unterwegs zu einem Gastvortrag in seiner Heimatstadt, wurde der 71-Jährige nach einem Verkehrsunfall in eine dortige Klinik gebracht, wo man sein Leben nicht mehr retten konnte. Flussers akademisches Lehrfach war die Kommunikationsphilosophie, die er – redegewandt in vielen Sprachen – auch über Rundfunk und Fernsehen zu vermitteln verstand. Diese und andere telematische Medien waren zugleich sein Schlüsselthema. Deren große Bedeutung lag für ihn nicht nur darin, dass sie die Schriftkultur weitgehend durch die neue Weltsprache der technischen Bilder ersetzten. Mehr als Epoche machend sei der gesellschaftliche Wandel von der Sesshaftigkeit zu einem neuartigen Nomadentum: Global ausgebaute telematische Netze, die zudem für Interaktion eingerichtet seien (Telefon, Internet) verschafften jedem Menschen die Möglichkeit einer ständigen Telepräsenz, ohne sich physisch an einen Ort außerhalb der Privatsphäre (Märkte, Kundgebungs-, Unterhaltungs- und Bildungsstätten) bewegen zu müssen. Der offene Raum könne abgesehen von Kabel- und Funkverbindungen wüst und leer sein. Auch sei dann die Frage, ob es sich bei den Menschen oder den Apparaten um Subjekte oder Objekte handelt, unentscheidbar. Als diese und jene Sender und Empfänger bedürfen die an der Kommunikation Beteiligten keiner tiefer gehenden Wesensbestimmung mehr.

QUELLEN
Flusser: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung (Fischer 2000)
Guldin/Finger/Bernardo: Vilém Flusser (UTB 2009)

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