Samstag, 19. November 2011

Dilthey – Interpretierende Wissenschaft

Wilhelm Dilthey (1833-1911) wurde an einem 19. November im hessischen Biebrich (Wiesbaden) geboren. In die Berliner Nachfolge von Hermann Lotze mündete 1882 seine Professorenlaufbahn. 77-jährig starb er in Südtirol (Seis am Schlern). Er war der vielleicht erste Gelehrte, der sich ausdrücklich als Geisteswissenschaftler sah. Und das zu einer Zeit, in der man dazu neigte, Wissenschaft überhaupt mit den Naturwissenschaften gleichzusetzen. Nach Dilthey sind die Naturwissenschaften erklärende Disziplinen, hingegen die Geisteswissenschaften verstehende. Diese haben es nämlich mit spezifisch menschlichen Lebensäußerungen zu tun, die ein ebenfalls menschlicher Forscher ganz anders erlebt, als wenn es außermenschliche Gegenstände wären. Er ist in humane Lebenszusammenhänge durch und durch eingebunden, spielt hier im wahrsten Sinne in derselben Geschichte mit. In den stets human-historischen Geisteswissenschaften gelangt man nicht durch ein Theorien überprüfendes Experimentieren zu Erkenntnissen, sondern durch ein seinesgleichen nachvollziehendes Interpretieren. Die insofern als hermeneutisch zu kennzeichnenden Geisteswissenschaften im Sinne Diltheys gründen deshalb auch nicht in einer Vernunftphilosophie, wie sie vor allem von Kant und Hegel auf die Spitze getrieben wurde, sondern in einer Lebensphilosophie, die ständig auf individuelle, daher nicht verallgemeinerbare, höchstens typisierbare Kulturleistungen Rücksicht nimmt, also 'methodisch' die Rationalität gegenüber der Vitalität hintanstellt.

QUELLEN
Dilthey: Das Wesen der Philosophie (Reclam 1984)
Fellmann: Lebensphilosophie (Rowohlt 1993)

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