Montag, 19. September 2011

Liebe und tu, was du willst!

Immanuel Kant (1724-1804) hat dem Kategorischen Imperativ, also dem, was ich unbedingt tun soll, Formulierungen gegeben, die recht kompliziert klingen, so dass man sie geradezu auswendig gelernt haben muss, um sie abrufbereit zu halten. Augustinus (354-430) drückte dasselbe moralische Gesetz einfacher aus. In einer seiner Predigten (zum Ersten Johannesbrief) heißt es: "Liebe und tu, was du willst (dilige et quod vis fac)!" Das von ihm verwendete lateinische Wort "diligere" bedeutet lieben im Sinne von hochschätzen (wörtlich: aus-lesen) und achtsam sein. Auch Kant spricht in Sachen Moralität vorzugsweise von Achtung. Achtung sowohl vor dem Sittengesetz als auch wechselseitig voreinander. Unter dieser Voraussetzung ist dem moralischen Individuum, also dem Menschen, alles erlaubt. Augustinus betont gewissermaßen, dass Achtung beziehungsweise Achtsamkeit Liebe ist, also etwas, was nicht nur dem, der sie erfährt, Freude macht, sondern auch dem, der sie bezeigt. Zumal die deutsche Formulierung "Liebe und tu, was du willst!" soll uns auf den Geschmack des Kategorischen Imperativs bringen, der in der Kantischen Version mit dem Bedacht des moralischen Rigoristen keine Rolle spielen darf. Wenngleich an anderer Stelle auch bei ihm der Geschmack in das sittliche Leben einbezogen ist. Jedenfalls gilt es festzuhalten: Dem wahrhaft Liebenden steht völlig frei, was er sonst noch tut und lässt. Denn es kann darunter nichts Unachtsames und dergestalt nichts Liebloses sein.

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