Donnerstag, 26. Mai 2011

Als Kant sein Hauptwerk publizierte

Der 57-jährige Immanuel Kant ist am Ziel seines beruflichen Strebens. Er hat ein elf Jahre beanspruchendes philosophisches Werk abgeschlossen. Er lässt es von Johann Friedrich Hartknoch (40) in Riga verlegen. Am 1. Mai 1781 macht er Marcus Herz (34), einem seiner Königsberger Lieblingsschüler, der in Berlin als Arzt wirkt, folgende Mitteilung: "Diese Ostermesse wird ein Buch von mir, unter dem Titel: Critik der reinen Vernunft, herauskommen." Die vier Wochen dauernde Leipziger Messe beginnt am 14. Mai. Das 850-seitige Buch ist das glatte Gegenteil eines Verkaufsschlagers und kommt selbst bei Kants Freunden nicht gut an. Er erfährt von Herz, der Moses Mendelssohn (52) ein Exemplar überbracht hat, dass dieser schon nach wenigen Seiten abgeschreckt gewesen sei, es durchzulesen. Kant kann in diesem Fall nur hoffen, "dass es nicht auf immer geschehen sein werde." Theodor Gottlieb Hippel (40), seit Kurzem Bürgermeister in Königsberg, schreibt im Juli an den Freimaurerkollegen Johann Georg Scheffner (45): "Haben Sie schon Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen? Eine Dunkelheit darin, die ihres gleichen sucht. Mir ist's zu hoch und so etwas auszuklauben, was kann es helfen?" Kant, der sehr auf die ersten Stellungnahmen gespannt ist, muss sich etliche Monate gedulden. Einen immerhin fleißigen Leser hat er in Johann Georg Hamann (51), der im Oktober Johann Gottfried Herder (37) wissen lässt: "Bin in meiner dritten Lectur des Kantschen Werks im Stecken geraten; werd es wohl zum 4-ten mal durchgehen müßen."
(Aus dem LIFETICKER)

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