Donnerstag, 16. September 2010

Geburtstage zum Weglaufen

Ein Geburtstag, beim Wort beziehungsweise ernst genommen, ist in jedem Wiederholungsfall ein Lebenserneuerungstag. Um neu geboren zu werden, muss man gestorben sein. Zunächst ist deshalb jeder wiederkehrende Geburtstag ein Todestag im Sinne des "Stirb und werde!" (aus dem Goethe-Gedicht "Selige Sehnsucht"). Das Leben kann in vieler Hinsicht an einen toten Punkt gelangen, so dass Jahr für Jahr reichlich Sehnsucht nach einer Neugeburt zusammenkommt. Vielleicht sollte jeder - je der und je die - die eigenen Geburtstage ganz individuell begehen, statt sie bloß im vertrauten Kreis abzufeiern. Oder wenn schon, dann für den Vorabend eine Art Totenfest organisieren, um mit der folgenden Morgenröte "aufzubrechen, wohin du willst" (aus dem Hölderlin-Gedicht "Lebenslauf"). Denn das Leben ist eigentlich je meines, das ich jederzeit verliere, sobald ich mich, meine Seele, verliere. Die ganze Welt gewinnen kann man dagegen auch als Toter. (Nach Mt 16,26)

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