Freitag, 19. Mai 2017

Datieren, daten, Datentechnik

Zwei einfache deutsche Verben gibt es mittlerweile, die nach dem Wortstamm vom lateinischen Verb dare entlehnt sind: der Latinismus datieren und der Anglizismus daten. Letzterer hat sich erst nach der Jahrtausendwende eingebürgert [1]; im DUDEN ist er noch nicht dokumentiert. Dagegen ist datieren schon spätestens seit dem 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch. Das zu diesem gehörige Substantiv ist das Datum, während das Date zu daten gehört. Weiterlesen im Sisyphus-Magazin

Dienstag, 16. Mai 2017

Zum Wesen der Daten

In seinen Stilübungen von 1947 stellt Raymond Queneau auf vielerlei Weise einen Vorfall in einem Pariser Autobus dar, immer wieder denselben. Einmal als Erzählung, einmal als Klappentext, einmal als Verhör, einmal als Komödie, einmal philosophisch, einmal parteiisch, einmal telegraphisch, einmal botanisch, einmal im Jugendstil – um nur neun der neunundneunzig Varianten zu erwähnen. Die mit Angaben beginnen. Bloßen Angaben. Weiterlesen im Sisyphus-Magazin

Montag, 19. März 2012

Verantwortung frei nach Gauck

Vor dem Hintergrund seines DDR-Vorlebens hat Joachim Gauck, der neue Bundespräsident, so getan, als könne er den Grundwert der Freiheit gar nicht stark genug betonen. Deshalb mutet es wie eine Akzentverschiebung an, wenn er in Äußerungen aus jüngster Zeit die Zusammengehörigkeit, ja, den Ineinsfall von Freiheit und Verantwortung deutlicher macht.

Sehr konkret ist er dadurch immer noch nicht geworden. Die freiheitliche Ordnung ist selbst in der vielgelobten Bundesrepublik Deutschland so prekär verwirklicht, dass auf der einen, faktisch privilegierten Seite zu viel Missbrauch der Verantwortung um sich greifen kann und auf der anderen Seite zu viele echte soziale Zwangslagen zu beklagen sind. Das führt zu dem Gesamteindruck einer Politik, die im Zweifel eher die Bessergestellten zu Lasten der Schlechtergestellten unterstützt als umgekehrt. Und dies, wie gesagt, ohne hinlänglich zu berücksichtigen, ob einerseits ein großes Privatvermögen lauter oder unlauter zustande gekommen und andererseits ein Sozialfall grundrechtsverletzend oder bloß vorgetäuscht ist.

Das spannendste Stichwort, das Gauck in diesem Zusammenhang neuerdings gibt, ist das der sozialpolitischen Phantasie. Ich möchte es um den Begriff einer Hochleistungsgesellschaft ergänzen, in dem das Hohe in der Rechtschaffenheit besteht, so dass alle niederen ökonomischen Leistungen rechtsstaatlich unterbunden gehören. Nur die wohltätige Freiheit ist die verantwortungsvolle.  

Montag, 27. Februar 2012

Beantwortung der Frage, ob es Gott gibt

Das Wort Gott kann alles und nichts bedeuten und vieles dazwischen, so dass es Gott auf jeden Fall gibt, auf die eine oder andere Weise. Alle Weltanschauungen, ob religiös oder säkular, ob gottgläubig oder atheistisch, sind mehr oder weniger ausdrücklich auf der Weisheit letzten Schluss aus und kommen mit dieser auch in Berührung, unbestimmt, wie nah. Es kann nicht schaden, wenn alle voneinander hören und keine sich für die endgültige hält. Denn sobald Menschen sie vertreten, ist selbst die einzig wahre überaus fragwürdig und selbst an der irrigsten irgend etwas Wahres dran. Grund genug, friedfertig und freundschaftlich miteinander umzugehen.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Statusmeldung

Ich bin ein Enzyklopädist mit ständiger Rücksicht auf Jesus geworden, als ob er das Maß aller Dinge wäre (mich inbegriffen).

Mittwoch, 25. Januar 2012

Wiki-Links: "Ath" und "Kath" – Weltanschaulich profilierte Online-Enzyklopädien im Aufbau

Athpedia – Die säkulare Enzyklopädie 
Kathpedia – Die freie katholische Enzyklopädie

Erste Sätze im Artikel "Religion":
"Als Religion wird oftmals ein in größeren Bevölkerungsgruppen verankertes System von Vorstellungen über die Existenz von Gegebenheiten jenseits des sinnlich Erfahrbaren bezeichnet." (Athpedia)
"Religion ist die Beziehung des Menschen zu Gott." (Kathpedia)
Zum Vergleich – so heißt es in der Wikipedia:
Als Religion (latreligio, wörtlich: ‚die Rückbindung‘. Auch zurückgeführt auf religere, ‚immer wieder lesen‘, oder religare, ‚zurückbinden‘; frei übersetzt: „wieder verbinden [mit Gott]“) bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Kunst im Unterschied zu Ähnlichem

Kunst umfasst mehr Künste als Bildende Kunst.
Kunst ist tiefgründiger als Design.
Künste sind unbedingter gefällig als Fähigkeiten.
Kunst ist zweckfreier als Handwerk.
Kunst ist offenbarender als Kultur.
Kunst ist überzeitlicher als Mode.
Künste sind durchgebildeter als Spiele.
Kunst ist ursprünglicher als Stil.
Kunst ist unberechenbarer als Technik.
Kunst ist schöpferischer als Wissenschaft.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Denkerporträts als Kalendernotizen – Ein Rückblick

Um für philosophische Arbeiten, die etwas tiefer gehen, Zeit zu gewinnen, verliere ich ab heute keine mehr für tagtägliche Kurzporträts von Denkern, deren Geburts- oder Todesdatum sich gerade jährt. Siebenundvierzig solcher Kalendernotizen habe ich in diesem Herbst formuliert und gepostet. Alle zusammen sollen hier noch einmal angezeigt sein:

Albertus Magnus
Alembert
Anders
Augustinus
Aurobindo
Averroes
Bachofen
Barthes
Bayle
Boole
Camus
Cicero
Croce
Dilthey
Duns Scotus
Flusser
Garve
Geiger
Hegel
Hobbes
Juan de la Cruz
Kierkegaard
Kropotkin
Le Bon
Lévi-Strauss
Luhmann
Maimonides
Man
Mauthner
Moore
Osho
Pico
Radbruch
Rohrmoser
Sade
Saner
Santayana
Saussure
Schiller
Sen
Spencer
Sperber
Spinoza
Taylor
Toland
Voltaire

Samstag, 17. Dezember 2011

Anders – Wir sind nicht mehr

Günther Anders (1902-1992) starb an einem 17. Dezember in Wien. Dort hatte der im reichsdeutschen Breslau Geborene sich niedergelassen, als er 1950 aus der amerikanischen Emigration nach Europa zurückgekehrt war, der Adenauer-BRD ebenso ausweichend wie der Ulbricht-DDR. Die zuvor in den USA schriftlich festgehaltenen Eindrücke finden sich großenteils in einem 1956 erschienenen Buch über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution wieder, der 'Fließbandarbeit'-Phase des technischen Fortschritts. Stattdessen könnte man auch 'Flimmerkisten-Phase' sagen; denn die Bilder im seinerzeit aufkommenden Fernsehen wirken als künstliche Urbilder (statt Abbilder) ähnlich degradierend auf den Zuschauer wie die Fließbänder als künstliche Führungskräfte (statt Werkzeuge) auf den Arbeiter. Solche High-Tech-Produkte entwickelnd, sorgt der Mensch also für den Verlust seiner Subjektivität. Indessen hat er es als herstellender homo creator noch weiter gebracht: bis zur Atombombe. Der Fortsetzung seines Hauptwerks Die Antiquiertheit des Menschen hat Günther Anders 1980 (unter anderem) darum den Untertitel gegeben: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Er hat demnach "das Prinzip Hoffnung" ausdrücklich nicht so sehr hochhalten können wie sein optimistisch philosophierender Freund Ernst Bloch, sondern den Fokus mehr auf die Apokalypse-Blindheit all derer lenken wollen, die sich heutzutage massenkulturbedingt (mit Worten Neil Postmans) 'zu Tode amüsieren'. So war es durchaus treffend gesagt, was einmal von einem Studenten in einen Seminartisch geritzt worden sein soll: "Ernst Bloch spricht: Wir sind noch nicht. Ernster als Bloch: Wir sind gerad noch. Anders wär: Wir sind nicht mehr."

QUELLEN
Diner (Hg.) Zivilisationsbruch – Denken nach Auschwitz (Fischer 1988)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)

Freitag, 16. Dezember 2011

Santayana – Der Geist aus der Natur

George Santayana (1863-1952) wurde an einem 16. Dezember in Madrid geboren. Als er 8 Jahre alt war, verließ die Diplomatenfamilie Spanien und siedelte sich in den USA an. Im Großraum Boston ging er zur Schule und absolvierte er sein Studium, das er mit einer Doktorarbeit über den deutschen Philosophen Hermann Lotze abschloss. An der Harvard University war er Hörer und ab 1889 Kollege des Pragmatisten William James. Dieser fand im Gegensatz zu seinem Bruder Henry James Santayanas erstes philosophisches Hauptwerk indiskutabel. Es trägt den Titel "The Life of Reason (Das Leben der Vernunft)", besteht aus fünf Bänden und erschien in den Jahren 1905 und 1906. Das Buch handelt davon, wie die Natur aus chaotischen zu geordneteren Verhältnissen gelangt, indem sie unterschiedliche Gestalten des Geistes zur Welt bringt: den religiösen, den wissenschaftlichen und den poetischen. Die Poesie reflektiert die Natur und ihren guten Zweck am angemessensten, während mit der Religion die Phantasie durchgeht und die Wissenschaft ins allzu Abstrakte abgleitet. Santayana selbst tat sich ebenfalls dichterisch hervor: als junger Mann mit Lyrik, im Alter vor allem mit dem Roman "Der letzte Puritaner" (1935), worin er die tieferen Beweggründe seines 1912 erfolgten Abschieds von Amerika ausführte, in der Form einer 'tragischen Lebensgeschichte'. Etwa gleichzeitig entstand "Realms of Being (Seinsbereiche)", womit der Privatgelehrte Philosophie als Lebenshilfe betrieb, indem er zu einem blinden Glauben (animal faith) an die so vertraute wie theoretisch bezweifelbare Wirklichkeit ermutigte. Seinen Lebensabend verbrachte der Junggeselle und mit der katholischen Kirche sympathisierende Atheist in Rom, wo er in einem von Nonnen geleiteten Pflegeheim 88-jährig starb.

QUELLEN
Jens (Hg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon (1988)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (2004)

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Le Bon – Von Masse und Klasse

Gustave Le Bon (1841-1931) starb an einem 15. Dezember 90-jährig in Paris. Er kann als der Vor(be)reiter der modernen Sozialpsychologie angesehen werden, freilich ohne bereits die Kriterien von deren Wissenschaftlichkeit in genügendem Ausmaß erfüllt zu haben. So ist sein Hauptwerk "Psychologie der Massen" von 1895 mehr ein polemisches Buch als eine empirisch untermauerte Abhandlung. Ihm unterläuft geradezu ein Selbstwiderspruch: Nach seinem Verständnis von Masse lässt sich diese durch Behauptungen manipulieren, die nicht begründet werden, sondern lediglich eine hinreichende Suggestionskraft haben; und ganz ähnlich wirkt eben auch sein Buch auf den Leser. Dennoch hat er ein Thema getroffen, das seitdem in Wissenschaft und Gesellschaft keine Generation mehr loslässt. Damals war es vor allem die Arbeiterbewegung, die elitäre Gemüter auf den Plan rief, zum Beispiel einen Nietzsche, der das dekadente Zeitalter des sozialistischen "Herdentriebs" heraufkommen sah. Was tatsächlich kam, war der Führer-Volk-Komplex der nationalsozialistischen Rassen- und Kriegs-Propaganda. Hitler & Co. hatten auf ihre Art die Lektion Le Bon gelernt. Aber auch die Anti-Faschisten der Nachkriegszeit machten gegen ihre 'Zielscheiben' massenpsychologisch auf durchaus ähnliche Weise mobil, sei es "volksdemokratisch" als Staatsmacht, sei es in "roten Zellen" unter Gruppenzwang. Gut hundert Jahre nach Le Bon und seinem aus der Mode gekommenen Schlagwort Massenseele schließt sich das Phänomen der sozialen Netzwerke an. Und in Anbetracht der online-menschlichen "Weisheit der Vielen" bzw. "Schwarmintelligenz" laufen die elitären Stimmen am Ende noch Gefahr, kleinlaut zu werden.

QUELLEN
Jens (Hg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon (1988ff.)
Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie (Schwabe 1971ff.)

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Juan de la Cruz – Das Kreuz mit dem Licht

Johannes vom Kreuz (1542-1591), spanisch: Juan de la Cruz, starb an einem 14. Dezember im andalusischen Úbeda. Von Jesuiten geschult, war der 20-Jährige in den zur Zeit der Kreuzzüge gegründeten Karmelitenorden eingetreten, um diesen in geistlicher Verbindung mit der Visionärin Teresa von Ávila zu reformieren. Die "beschuhten" Konservativen leisteten gegen die strengere Auslegung der Ordensregel Widerstand. So kam es, dass sie Johannes im Kloster einsperrten. In der Haft, aus der er sich nach neun Monaten befreien konnte, entstanden schriftliche Aufzeichnungen, die ihn als einen der größten christlichen Mystiker der Neuzeit erwiesen haben und als nicht minder großen Theologen, der seine "dunkle" Gotteserfahrung auch rational zu deuten verstand. Anders als in Platons Höhlengleichnis kommt es bei dieser Erfahrung nicht zu einer Gewöhnung des "Aufsteigenden" an das 'Tageslicht' der Wahrheit, sondern gerade zu einer erfüllenden Abkehr vom Licht sowohl der Sinne als auch des Geistes. Denn das göttliche Licht ist in einem solchen Übermaße hell, dass ihm nichts so gleichkommt wie die dunkle Nacht der Seele. Diese Nacht war selbst für den Mensch gewordenen Sohn Gottes entscheidend: in der Wüste, als ihn der Teufel versuchte; am Kreuz, als er die Gottverlassenheit beklagte. In derart dunklen Nächten können auch Menschen zu Göttern werden, wie es Jesus einmal ansprach – "Ihr seid Götter" (Joh 10,34) – und des Johannes vom Kreuz christliches Selbstverständnis war. 1593, zwei Jahre nach seinem Tod, spalteten sich die "unbeschuhten" Karmeliten und Karmelitinnen vom alten Orden ab.

QUELLEN
Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (Metzler 1995)
Sudbrack: Mystik (Grünewald 1988)

Dienstag, 13. Dezember 2011

Maimonides – Die Vereinbarkeit von Philosophie und Judentum

Moses Maimonides (1135?-1204) starb an einem 13. Dezember in Kairo (damals Fustat). Dort hatte der in Córdoba Geborene eine dauerhafte Zuflucht gefunden; denn die ab 1147 im islamischen Spanien herrschende Almohaden-Dynastie duldete keine Juden. Er wirkte als Arzt und als Rabbi. Sein philosophisch bedeutendstes Werk ist der "Führer der Unschlüssigen". Darin geht er von der geistigen Not aus, in die seine Glaubensgenossen geraten können, wenn sie sich mit Philosophie beschäftigen, insbesondere der seinerzeit gerade wiederentdeckten aristotelischen. Zu viele Gedanken des altgriechischen Weisen erschienen unvereinbar mit den heiligen Schriften. Der große jüdische Gelehrte wusste Rat: Die Glaubensinhalte seien 'notfalls' bildlich- allegorisch und nicht wörtlich-historisch zu deuten. Andererseits habe man bei Aristoteles zwischen gültigen Lehrsätzen und bloßen Lehrmeinungen zu unterscheiden. Um solche handele es sich etwa bei dem Gedanken, die Welt sei ewig. Sowohl für als auch gegen diese Annahme sprächen gute Argumente, sodass der Gläubige getrost am Schriftwort von Gottes Erschaffung der Welt festhalten könne. Zudem sei der Glaube an das 'Wunder der Schöpfung' grundlegend für den Glauben an Wunder überhaupt, den Maimonides verteidigen wollte.

QUELLEN
Fassmann (Hg.): Die Großen der Weltgeschichte (Kindler 1973)
Lutz (Hg.): Philosophen Lexikon (Metzler 1995)

Montag, 12. Dezember 2011

Sperber – Ein Lernender aus einem Irrtum

Manès Sperber (1905-1984) wurde an einem 12. Dezember im ukrainischen Sabolotiw geboren, dem damals österreich-ungarischen Zablotow. Er entstammte dem chassidischen Judentum der galizischen 'Städtel', die er einmal mit kleinen 'Gottesbürgerschaften' in feindlicher Umgebung verglich (nach "De civitate dei" von Augustinus). Während seiner Wiener Jugendjahre waren es zwei profane Geistesgrößen, die ihn anzogen: der sozialistische "Wir"-Denker Karl Marx und der psychoanalytische "Ich"-Denker Alfred Adler. Diesem begegnete er persönlich, und er ließ sich zum Individualpsychologen ausbilden, als der er ab 1927 in Berlin praktizierte. Im selben Jahr wurde er Mitglied der KPD. Doch im darauffolgenden Jahrzehnt kehrte er sich von beiden Engagements ab. Mit Adler brach er, weil dieser den politisch linken Flügel der Individualpsychologen 'unvereinbar' fand. Auf Distanz zu den Kommunisten ging er aus Entsetzen über die Stalinschen Schauprozesse. Damit war freie Bahn geschaffen für seine Schriftstellerei, wenngleich unter den Umständen des Überlebenskampfs eines Juden im Zweiten Weltkrieg. Am Zufluchtsort und späteren festen Wohnsitz Paris entstand die teils massenpsychologische Essaysammlung "Zur Analyse der Tyrannis" und begann er seine Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean", ein autobiographisch geprägter Reigen ganz unterschiedlicher europäischer Kommunistenschicksale zwischen 1931 und 1945. Eine ebenfalls dreiteilige dokumentarische Autobiographie reichte er in den 1970er Jahren nach: "All das Vergangene".

QUELLEN
Paffenholz: Manès Sperber zur Einführung (Junius 1996)
Birgit Schmidt: Manès Sperber – Der Philosoph des Irrtums (haGalil 11.12.2005)

Sonntag, 11. Dezember 2011

Osho – Spielhölle Religiosität

Osho, anfangs Chandra Mohan Jain (1931-1990) wurde an einem 11. Dezember im zentralindischen Kuchwada (nahe Bhopal) geboren. Am 21. März 1953 trat in seinem Leben etwas ein, das er unter anderem mit Tod und Wiedergeburt umschrieb. Daraufhin setzte der Student zunächst seine Laufbahn als Intellektueller fort. Er schloss ein Philosophiestudium ab, arbeitete als Journalist und unternahm als Redner viele Inlandsreisen mit kulturkritischen und oftmals Anstoß erregenden Vorträgen. Erst 18 Jahre nach dem 'Erleuchtungserlebnis' vollzog er in seiner Öffentlichkeitsarbeit eine Wende 'vom Kopf zum Herzen'. Als äußeres Zeichen dafür nahm er zusätzlich zu seinem Rufnamen Shree Rajneesh den hinduistischen Ehrentitel Bhagwan ("Erhabener") an. Er war nun endgültig erhaben über die kulturell verbindlichen Lebensentwürfe und forcierte stattdessen eine experimentierfreudige Meditationspraxis zur "Selbstverwirklichung". Dafür errichtete er ein noch heute bestehendes internationales Übungszentrum in Poona, nahe Bombay (bzw. Pune nahe Mumbai). Es konnte nicht ausbleiben, dass ihm diese sehr 'emanzipierte' Form von 'Ökumene' viel Anfeindung von verschiedenen 'rechtgläubigen' Seiten eintrug; denn provozierender als ein solch freies Spiel mit der Religiosität kann keine Religionskritik sein. Hinzu kamen falsche Freunde aus seinem engsten Anhängerkreis, die zeitweise die spirituelle Bewegung fast wie eine kriminelle Vereinigung erscheinen ließen – besonders in den USA. Als er von dortigen Krankenhaus- und Gefängnisaufenthalten über eine Reihe von kurzen Zwischenstationen in anderen Ländern 55-jährig zu seiner indischen Wirkungsstätte zurückkehrte, startete er noch das letzte große Projekt einer Multiversität: einer "Weltakademie der kreativen Wissenschaften". Nicht allzu fern an diese Initiative Oshos erinnernde Vorschläge hat unlängst – unter der Devise "Du musst dein Leben ändern" – sein deutscher Sannyasin Swami D. Peter gemacht.

QUELLEN
Osho: Autobiographie (Ullstein 2001)
Reller/Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen (Gütersloher 2000)

Samstag, 10. Dezember 2011

Averroes – DER Kommentator DES Philosophen

Averroes (1126-1198), arabisch: Ibn Ruschd, starb an einem 10. oder 11. Dezember im marokkanischen Marrakesch. Der im damals maurischen Cordoba Geborene war der für die mittelalterliche Scholastik einflussreichste arabische Philosoph. Er erläuterte eingehend sämtliche überlieferten Werke des Aristoteles und forderte auf diese Weise Gelehrte wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin zur intensiven geistigen Auseinandersetzung heraus. Denn einerseits führte für sie an dem kongenialen Schüler und Gegenspieler Platons kein Weg vorbei, andererseits mussten sie sich als Christen in zentralen Punkten gegen das Aristoteles-Verständnis des "Averroismus" verwahren: erstens gegen die These, dass die individuelle Seele ebenso wie der Körper sterblich sei und nur der allgemeine Geist unsterblich; zweitens gegen die Annahme einer Welt ohne zeitlichen Anfang, womit die biblische Schöpfungstheologie in Frage gestellt erschien. Auch die islamische Geistlichkeit sah den Gottesglauben durch Averroes bedroht, so dass viele seiner Schriften verbrannt wurden. Die Verbannung, der er selbst anheimfiel, hob man erst kurz vor seinem Tode auf. Was blieb, war eine gravierende Distanz der orthodoxen Schulen des Islam bzw. Koran gegenüber Bestrebungen, diesen mit vernunftgeleiteten Argumenten in Einklang zu bringen, worin der unumgängliche Kommentator des unumgänglichen Philosophen bis heute beispielgebend ist.

QUELLEN
Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter (Reclam 1986)
Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (Metzler 1995)

Freitag, 9. Dezember 2011

Kropotkin – Anarchist und Soziobiologe

Pjotr Kropotkin (1842-1921) wurde an einem 9. Dezember (julianisch: 27. November) in Moskau geboren. Der "anarchistische Fürst" entstammte dem russischen Hochadel und war angesichts des Lebens der väterlichen Leibeigenen schon als Kind von der sozialen Ungerechtigkeit stark beeindruckt. Wissenschaftlich wandte er sich zunächst der Geographie zu, worüber er sich vor allem im Nordosten Sibiriens Anschauungsunterricht holte. Fern vom Zentrum des Zarenreichs, begegnete dem Eliteoffizier dort ein Gemeinschaftsgeist der Menschen, der für sein politisches Engagement wegweisend wurde. Als sein Vater starb, nutzte der 30-Jährige die Unabhängigkeit zum Abbruch der Militärlaufbahn und zu einem ersten Aufenthalt in Westeuropa. Bei den Schweizer sozialistischen Exilrussen schloss er Freundschaften und gesellte er sich der "antiautoritären" Fraktion zu. Wieder in Russland, begann er unter den Bauern, deren Leibeigenschaft mittlerweile zwar aufgehoben war, ohne dass ihre wirtschaftliche Not jedoch geringer geworden wäre, zu agitieren. Die Folge war eine Festungshaft, aus der er nach zwei Jahren ausbrechen konnte. Jetzt verließ er die alte Heimat gen Westen für mehr als vier Jahrzehnte. Er wurde Herausgeber von anarchistischen Zeitschriften und veröffentlichte Bücher im selben revolutionären Geist. In England konnte er sich dauerhaft niederlassen. Dort setzte er sich auch mit dem aufkommenden Sozialdarwinismus auseinander, gegen den er einen vorausweisenden, 'soziobiologischen' Beitrag verfasste: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Als er im Revolutionsjahr 1917 nach Russland zurückkehrte, feierten alle antizaristischen Kräfte den äußerst populären Vorkämpfer, obwohl im Kampf um die Macht seine Überzeugungen längst keine Rolle mehr spielten. Er hatte noch Gelegenheit zu einigen kontroversen Gesprächen mit Lenin, dem Führer der siegreichen "Staatssozialisten", ehe er 78-jährig starb.

QUELLEN
Jacoby (Hg.): Lexikon linker Leitfiguren (Büchergilde Gutenberg 1988)
Kropotkin: Die Eroberung des Brotes und andere Schriften (Hanser 1984)

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Spencer – Die Evolution und das Unergründliche

Herbert Spencer (1820-1903) starb an einem 8. Dezember* 83-jährig in der südenglischen Küstenstadt Brighton. Etwa gleichzeitig mit Charles Darwin hatte der im nordenglischen Derby Geborene einen Gedanken von Jean Baptiste de Lamarck aufgegriffen: den von der Veränderlichkeit der Arten. Die oft Darwin zugeschriebene Formulierung "Survival of the fittest (Überleben der Angepasstesten)" stammt in Wirklichkeit von Spencer. Während der für den Darwinismus Pate stehende Landsmann exotische Tier- und Pflanzenwelten bereiste, um reiches Belegmaterial für die Abstammungslehre zusammenzutragen, baute der zwei Jahre jüngere Privatgelehrte die Evolutionstheorie zu einer philosophischen Weltanschauung aus. Diese sollte im 20. Jahrhundert als Frühform eines "Sozialdarwinismus" diskreditiert werden, auf den sich die nationalsozialistische Rassenideologie berufen hat. Statt derart auf eine Selektion von "Herren-" und "Untermenschen" abzuzielen, nahm Spencer die Entwicklung einer immer freiheitlicheren Gesellschaft an, die irgendwann keine staatliche Kontrolle mehr nötig habe, weil diese mehr und mehr durch die Selbstkontrolle der Individuen ersetzt werde. Im Hinblick auf das Ganze der Natur lässt sein Evolutionismus es offen, wie und ob alles einmal angefangen habe. Das sei unergründlich. Somit gesellte sich in dieser Frage Spencer zu den Agnostikern seiner Zeit.

QUELLEN
Durant: Die großen Denker (Lübbe 1980)
Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie (Beck 2000)

* Der 8. Dezember ist außerdem der Geburtstag von Paul Thiry d'Holbach und Niklas Luhmann sowie der Todestag von George Boole

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Cicero – Mit dem philosophischen Latein am Anfang

Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.) starb an einem 7. Dezember zwischen Formiae und Caieta. Die beiden etwa 100 km nördlich von Neapel gelegenen Küstenstädte, italienisch: Formia und Gaeta, gehören zur Region Lazio, lateinisch: Latium, dem Kerngebiet des ehemaligen Römischen Reiches. Cicero wurde von Handlangern seines Todfeindes Marcus Antonius enthauptet. Dieser erwirkte als Parteigänger des im Jahr zuvor ermordeten Caesars die Proskription genannte todbringende Ächtung seines wichtigsten politischen Gegners – im Dreimännerbündnis (Triumvirat) mit Lepidus und Octavian, dem späteren Kaiser Augustus. In der Tat waren zur Zeit der niedergehenden römischen Republik Caesar und Cicero die beiden großen Gegenspieler und die Geschicke vor allem des Letzteren entsprechend wechselhaft. Der hochbegabte Sohn eines mittelständischen "Ritters (eques)" hatte es auf der Ämterlaufbahn in kürzestmöglicher Zeit bis ganz nach oben gebracht: zum Konsul des Jahres 63 v. Chr. Während dieses Werdegangs entfaltete sich seine einzigartige Rednergabe – sowohl vor Gericht als auch im Senat. Als junger Mann hatte er außerdem die Gelegenheit zu einer zweijährigen Studienreise durch Griechenland und Kleinasien, auf der er nicht nur die bereits strapazierte Anwaltsstimme schonen, sondern auch seine philosophische Bildung ausbauen konnte. Er gewann dadurch ein geistiges Format, das ihm in den Machtkämpfen mit Caesar auch dessen hohen Respekt verschaffte. Mochte der nach Alleinherrschaft Strebende den prinzipientreuen Republikaner auch vergeblich umwerben und darum wiederholt politisch kaltstellen: Cicero war in derlei Unbilden um sprachliche Meisterstücke nicht verlegener als im Licht der hauptstädtischen Öffentlichkeit. Er hielt nicht nur eine Vielzahl seiner großen Reden schriftlich fest, sondern verfasste auch eine Reihe von philosophischen Werken, in denen sich fast das ganze Spektrum der antiken Denkweisen 'eklektisch' wiederfindet: vom Platonismus über die Stoa bis zur Skepsis. In seinen allerletzten Jahren war er darin noch einmal besonders fruchtbar. Auf diese Weise wurde er mit seinem klassischen Latein der Schöpfer des noch heute in aller Welt gebräuchlichen Grundwortschatzes der Philosophie.

QUELLEN
Cicero: De officiis / Vom pflichtgemäßen Handeln, lateinisch/deutsch (Reclam 1986)
Stroh: Cicero – Redner, Staatsmann, Philosoph (Beck 2008)

Dienstag, 6. Dezember 2011

de Man – Die Leiden des Begriffs am Gerede

Paul de Man (1919-1983) wurde an einem 6. Dezember in der Flamenmetropole Antwerpen geboren. Als im Sommer 1940 Belgien von Nazideutschland eingenommen wurde, misslang ihm die Flucht. Sein Onkel, der sozialistische Minister Hendrik de Man, verhalf dem knapp 21-Jährigen daraufhin zu einer Kulturredakteursstelle bei der Brüsseler Tageszeitung "Le Soir", die zur Kollaboration mit der Besatzungsmacht bereit war. Zwölf Jahre später wurde die Auswanderung in die USA nachgeholt. Der Harvard-Student promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft. Über diese Disziplin hinaus machte er sich einen Namen als Begründer der Dekonstruktivismus genannten Methode des Lesens von Texten. Diese 'Abgehobenes abbauende', auf Heideggers Wendung von der "Destruktion der Metaphysik" zurückzuführende Lesart teilte er mit seinem philosophischen Freund Jacques Derrida, nicht ohne dabei besondere Akzente zu setzen. De Man hielt Wissenschaften, das heißt Systeme von Begriffen, für sprachlich nicht darstellbar; denn in seiner unvermeidlichen Wortgestalt sei jeder Begriff zugleich und vor allem ein rhetorischer Ausdruck, der den Anspruch einer logischen Systematik auf Schritt und Tritt hintertreibe. Mündlich oder schriftlich Gesagtes behalte auch dann seinen von Grund auf poetischen Charakter, wenn die Redeabsicht eine verallgemeinernd lehrhafte sei. Daher könne nur den bewusst philologisch ('wortliebhaberisch') angelegten Texten ohne Abstriche zugestimmt werden. – Nach Zwischenstationen in Ithaca, Zürich und Baltimore lehrte de Man zuletzt an der Yale University in New Haven, wo er 64-jährig starb.

QUELLEN
De Man: Allegorien des Lesens (Suhrkamp 1989)
Zima: Die Dekonstruktion (Francke/UTB 1994)

Montag, 5. Dezember 2011

Aurobindo – Indisch für alle

Sri Aurobindo (1872-1950) wurde an einem 5. Dezember in Kalkutta geboren. Er ging im Mutterland der britischen Kolonialmacht zur Schule, ehe er, zurück in der Heimat, sich in die dortigen Sprachen und Weisheitstraditionen vertiefte und für die indische Unabhängigkeit an führender Stelle kämpfte. Im Gefängnis gewann der "Aufwiegler" die Überzeugung, dass die Hindu-Philosophie ein Segen für die ganze Menschheit sei. So endete sein politisches Engagement, und die Spiritualität eines Integralen Yoga wurde in den ihm verbleibenden vier Jahrzehnten sein einziger Lebensinhalt. Bei der Yoga-"Synthese", wie er sie lehrte, stand nicht eine Folge von traditionellen Übungen im Mittelpunkt, sondern ein am "Göttlichen" orientiertes geistiges Wachstum. Dessen Endzweck sei nicht etwa das verlöschende Einswerden mit dem Göttlichen, sondern die Beseelung der Welt mit dem höchstmöglichen Bewusstsein. Der auf diese Weise wirkende Übermensch habe allerdings nichts mit einem in seinem Ich-Bezug maßlosen Herrenmenschen zu tun, sondern sei nicht mehr und nicht weniger als ein unablässiger Teilnehmer am göttlichen Spiel. Nach Aurobindos Tod setzte seine Gefährtin Mira Alfassa diesen Weg einer ungeteilten Hingabe unter anderem dergestalt fort, dass sie in Südindien die internationale Stadt Auroville gründete mit der Meditationsstätte Matrimandir ("Tempel der Mutter") im Zentrum.

QUELLEN
Aurobindo: Savitri – Legende und Sinnbild (Hinder & Deelmann 1992)
Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (Metzler 1995)

Sonntag, 4. Dezember 2011

Hobbes – Wir notgedrungen Zivilisierten

Thomas Hobbes (1588-1679) starb an einem 4. Dezember 91-jährig im ostenglischen Hardwick. Der im Südwesten Englands geborene Pastorensohn schrieb einen Klassiker der politischen Philosophie, den Leviathan. Der Untertitel des Buches lautet: "Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates". Die Wesensbestimmung dieses Staates leitete er wie folgt ab: Der natürliche Feind des Menschen sei der andere Mensch; denn dieser vor allem sei es immer wieder und jedenfalls auf längere Sicht, der dem jeweils eigenen, vom Selbsterhaltungstrieb bestimmten Willen im Wege stehe. Menschen sind demnach bei weitem nicht so leicht bezähmbar wie wilde Tiere, zum Beispiel die im Volksmund für besonders bösartig gehaltenen Wölfe. Der in diesem Sinne wölfischste Wolf sei also vielmehr der menschliche Artgenosse: "Homo homini lupus (Der Mensch: des Menschen Wolf)". Die Konsequenz daraus, den "Krieg aller gegen alle", wäre höchstens die geballte Macht aller Betroffenen zu hemmen imstande: ein "über-wölfisches" Gemeinwesen, am besten repräsentiert von einem gefürchteten Monarchen, insofern dessen ungeheure, "leviathanische" Erhabenheit auf jeden einzelnen "wölfischen" Menschen gemeinhin abschreckend wirke. Eine solche Notmaßnahme kommt einem Gesellschaftsvertrag gleich; denn notgedrungen gehen daraufhin die einzelnen Gesellschaftsmitglieder zivilisierter miteinander um. Mit dieser Vertragstheorie profilierte sich Hobbes als empiristischer und materialistischer Vordenker des aufgeklärten Absolutismus. Doch reicht der Einfluss seiner Staatslehre noch weit darüber hinaus.

QUELLEN
Hobbes: Leviathan (Suhrkamp 1984)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)

Samstag, 3. Dezember 2011

Saner – Toleranz genügt zum Frieden nicht

Hans Saner (77) wurde an einem 3. Dezember in Grosshöchstätten (Kanton Bern) geboren. Der langjährige persönliche Assistent und Nachlassherausgeber von Karl Jaspers ist der namhafteste Schweizer Philosoph der Gegenwart. Sein Quer-Denken hat sich nicht in Schriften mit Hauptwerkcharakter niedergeschlagen, sondern immer wieder 'aus gegebenem Anlass' in Aufsätzen, Reden und Interviews. Dabei ist seit seiner Doktorarbeit über Immanuel Kants Friedensschrift ein Thema als roter Faden unverkennbar: die Gewalt und wie man ihr friedlich beikommen kann. Von den barbarischen Ausmaßen, die sie im 20. Jahrhundert angenommen hat – in Krieg, Völkermord und Umweltzerstörung – zeigt er sich besonders ergriffen als Zeitgenosse der Moderne mit deren wissenschaftlich-technischen und kulturellen Glanzleistungen im selben Säkulum. Ihrer nationenübergreifenden Wirkmacht sei die ökonomische Globalisierung bloß nachgefolgt und nicht etwa vorausgeschritten. Die Politik verhalte sich in dieser Weltlage, als hätte sie die Jahrhundertlektion nicht gelernt. Statt die interkulturelle Kommunikation zu fördern, lege sie – an der Spitze die USA und die 'Weltreligionen' – den Schwerpunkt immer noch auf das kränkende und Gegengewalt provozierende Vormachtstreben. Sehr verwundert ist "der stille Anarchist" Saner darüber nicht, denn oft sei auch innerhalb der 'großen' Nationen und Glaubensgemeinschaften eine anerkennende (statt lediglich tolerierende) Differenzverträglichkeit noch arg unterentwickelt.

QUELLEN
Saner: Nicht-optimale Strategien (Lenos 2002)
Annemarie Pieper: Im Rachen der Fragen (NZZ 3.12.2004)

Freitag, 2. Dezember 2011

de Sade – Sie behandelten den Falschen

Der Marquis de Sade (1740-1814) starb an einem 2. Dezember 74-jährig ganz in der Nähe seiner Geburtsstadt Paris. Am Sterbeort Charenton-Saint-Maurice war er die letzten elf Jahre seines Lebens Insasse einer Irrenanstalt. Als 'irre' galt der außerordentliche Aufklärer gleichermaßen im feudalen, im revolutionären, im napoleonischen und im restaurativen Frankreich. Verletzte er etwa mit seinen 'sadistischen Perversionen' die Grenzen jeglicher Zivilisiertheit, jeglicher Normalität? Was aber ist normal? Es scheint nach wie vor normal zu sein, gute, zivilisierte Miene zum bösen Spiel eines mehr oder weniger kaschierten Wahnsinns zu machen: des despotisch wie des demokratisch herrschenden, des privat wie des öffentlich autorisierten. Sigmund Freud, dessen Psychopathologie der Marquis in vielem vorwegnahm, unterschied das Lustprinzip vom dieses maßregelnden Realitätsprinzip. De Sade phantasierte das Lustprinzip in seinen pornographisch-philosophischen Romanen aus und orientierte sich auch im Leben daran. Weil er – radikaler als sein älterer Zeitgenosse Jean-Jacques Rousseau – das natürlichere (?) Leben wählte, wurde sein Treiben und Wähnen abwechselnd für straffällig und geistesgestört gehalten oder für beides zugleich. Doch hat sich daneben die Frage nach dem tätsächlichen Ungeist erhoben, den bloßzustellen seinerzeit so ungeheuer herausfordernd war – und nach wie vor ist.

QUELLEN
Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung (Fischer 1969)
Lutz (Hg.): Philosophen Lexikon (Metzler 1995)

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Garve – Der Popularphilosoph

Christian Garve (1742-1798) starb an einem 1. Dezember 56-jährig in seinem Breslauer Elternhaus. Mit 36 lebte er für ein Jahr im Berliner Schloss Charlottenburg bei Friedrich dem Großen, den seine unterhaltsamen philosophischen Essays beeindruckt hatten. Der zeitweilige Leipziger Professor war mittlerweile in seiner Heimatstadt als kränklicher kleiner Buchhändler tätig. Vom englischen und schottischen Empirismus geprägt, machte er diesen in Deutschland durch Übersetzungen weitläufiger bekannt. Als die „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) erschien, gehörte er zu den namhaftesten Rezensenten. Er setzte sich fortan bis zuletzt mit Immanuel Kant publizistisch auseinander, der dabei zu einem alle Missverständnisse klärenden „Anti-Garve“ ausholte – und als Ergebnis die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) veröffentlichte. Abgesehen von dieser Kontroverse, war Garves Art zu philosophieren überhaupt eine dialogische. Seine Übersetzungen, in den späteren Jahren auch solche von antiken Klassikern, waren für ihn vorzügliche Gelegenheiten, sich kommentierend "in die Stelle des Schriftstellers" zu setzen, "an dessen Feuer sein eigenes" anzuzünden und etwa mit Cicero oder Aristoteles "gemeinschaftlich" zu denken. Gegen Ende seines Lebens war der vom Gesichtskrebs Gezeichnete und vielleicht bis heute unterschätzte "Popularphilosoph" auf diese seine Art am produktivsten.

QUELLEN
Lutz (Hg.): Philosophen Lexikon (Metzler 1995)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)

Mittwoch, 30. November 2011

Toland – Mit Gott fing alles nur an

John Toland (1670-1722) wurde an einem 30. November auf der irischen Halbinsel Inishowen geboren. 51-jährig ist er in London gestorben. Mit 24 schrieb der zum Protestantismus übergetretene Katholik in Oxford sein Hauptwerk "Christentum ohne Geheimnis (Christianity not Mysterious)". Dabei handelt es sich um eine religionsphilosophische Schrift im Anschluss an Überlegungen von John Locke. Durch die ein Jahr nach Erscheinen öffentliche Verbrennung dieses Buchs in Irland wurde Toland europaweit als Aufklärer bekannt. Ihn zuerst nannte man einen "Freidenker (free-thinker)". Er nahm sich als christlicher Denker die Freiheit, der kirchlichen Glaubenslehre nur bedingt zu gehorchen. Seine Bedingung war, dass der Glaube – im Sinne der natürlichen Theologie – vernünftig sei. So sei das Dasein Gottes deshalb einsichtig, weil es gute Argumente für die übernatürliche Erschaffung der natürlichen Welt gebe. Die ganze Naturgeschichte laufe aber sodann wie ein zuverlässiges Uhrwerk ab; denn offenbar seien die Gesetze der Natur gottgewollt. Dieses unter den Aufklärern des 17. und 18. Jahrhunderts verbreitete Gottes- und Weltverständnis wird auch Deismus genannt (sprich: De-ismus, von lateinisch "deus" = Gott), in Abgrenzung gegen den Theismus (sprich: The-ismus, von griechisch "theos" = Gott), der auch rational unerklärliche Glaubensinhalte annimmt. Die Bibel war für Toland ein Buch, dessen zahlreiche 'Wundersamkeiten' auf naive Anschauungen der alten Zeiten zurückzuführen seien und den glaubwürdigen Kern der Religion nicht beträfen. Dieser sei mit einer vernünftigen, allen Religionen zugrundeliegenden Sittenlehre gleichzusetzen.

QUELLEN
Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (1996)
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)

Dienstag, 29. November 2011

Rohrmoser – Ein Engagement für geistige Erneuerung

Günter Rohrmoser (1927-2008) wurde an einem 29. November in Bochum geboren. Der 80-jährig in Stuttgart Verstorbene hatte bei Joachim Ritter studiert und über den jungen Hegel promoviert. Als konservativer Sozialphilosoph – "konservativ, nicht rechts" – verschaffte er diesem Denken Profil gegen die kritischen Gesellschaftstheoretiker der Frankfurter Schule: "Das Elend der kritischen Theorie" (1970). Es folgten viele weitere bezeichnende Publikationen. Hier eine Auswahl: "Die metaphysische Situation der Zeit" (1975), "Dostojewski – Die Antwort der christlichen Kultur auf den Nihilismus" (1982), "Geistiger Umbruch – Bilanz der marxistischen Epoche" (1983), "Die Unverzichtbarkeit der Nation – Wider die Geschichtsvergessenheit" (1992), "Neues konservatives Denken als Überlebensimperativ" (1994), "Emanzipation oder Freiheit – Das christliche Erbe der Neuzeit" (1995), "Geistiges Vakuum – Spätfolgen der Kulturrevolution" (1997), "Kampf um die Mitte – Der moderne Konservatismus nach dem Scheitern der Ideologien" (1999), "Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart" (2000), "Deutschlands Tragödie – Der geistige Weg in den Nationalsozialismus" (2001), "Linksliberale Hegemonie gegen deutsche Kultur" (2004), "Kapitalismuskritik oder die Verantwortungslosigkeit der Moral" (2005), "Konservatives Denken im Kontext der Moderne" (2006), "Glaube und Vernunft am Ausgang der Moderne – Hegel und die Philosophie des Christentums" (2009).

ONLINE-QUELLEN
Graw: Abschied von Günter Rohrmoser (Welt 18.9.2008)
Rohrmoser: Konservativ – ein Überlebensimperativ (Deutschlandradio 2007)

Montag, 28. November 2011

Lévi-Strauss – Wie man Menschen versteht

Claude Lévi-Strauss (1908-2009) wurde an einem 28. November in Brüssel geboren. Hundertjährig starb er in Paris. Der Mann, dessen Name an Denim-Jeans denken lässt, erlangte Berühmtheit auf einem anderen 'volkstümlichen' Gebiet: dem der Völkerkunde. Hierin trat er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem interkulturellen Vergleich von Verwandtschaftssystemen hervor, wobei er besonderes Augenmerk auf die Ausnahmen vom Inzestverbot legte. Methodisch knüpfte der Ethnologe an den sprachwissenschaftlichen Strukturalismus von Ferdinand de Saussure und Roman Jakobson an. Zugleich verstand Lévi-Strauss es im Sinne Sigmund Freuds, den gewöhnlich unbewussten Gebrauch der Volkssprachen auszuwerten. Auf diese Weise ergab sich aus seinen Forschungen ein Begriff vom Menschen, für den "der Andere" maßgeblicher ist als "das Ich", so dass als philosophischer Ahnherr der strukturalen Anthropologie eher Jean-Jacques Rousseau als René Descartes erscheint.

QUELLEN
Lepenies: Nachruf auf Claude Lévi-Strauss (Welt am Sonntag 3.11.2009)
Lévi-Strauss: Das wilde Denken (Suhrkamp 1968)

Sonntag, 27. November 2011

Flusser – Die Welt im Haus

Vilém Flusser (1920-1991) starb an einem 27. November in Prag, wo er auch zur Welt kam. Die Welt lernte er notgedrungen weitläufiger kennen; denn er flüchtete vor den Nazis über England nach Brasilien, von wo die Familie in der Zeit der Militärdiktatur nach Europa zurückkehrte, um sich in Südfrankreich niederzulassen. Unterwegs zu einem Gastvortrag in seiner Heimatstadt, wurde der 71-Jährige nach einem Verkehrsunfall in eine dortige Klinik gebracht, wo man sein Leben nicht mehr retten konnte. Flussers akademisches Lehrfach war die Kommunikationsphilosophie, die er – redegewandt in vielen Sprachen – auch über Rundfunk und Fernsehen zu vermitteln verstand. Diese und andere telematische Medien waren zugleich sein Schlüsselthema. Deren große Bedeutung lag für ihn nicht nur darin, dass sie die Schriftkultur weitgehend durch die neue Weltsprache der technischen Bilder ersetzten. Mehr als Epoche machend sei der gesellschaftliche Wandel von der Sesshaftigkeit zu einem neuartigen Nomadentum: Global ausgebaute telematische Netze, die zudem für Interaktion eingerichtet seien (Telefon, Internet) verschafften jedem Menschen die Möglichkeit einer ständigen Telepräsenz, ohne sich physisch an einen Ort außerhalb der Privatsphäre (Märkte, Kundgebungs-, Unterhaltungs- und Bildungsstätten) bewegen zu müssen. Der offene Raum könne abgesehen von Kabel- und Funkverbindungen wüst und leer sein. Auch sei dann die Frage, ob es sich bei den Menschen oder den Apparaten um Subjekte oder Objekte handelt, unentscheidbar. Als diese und jene Sender und Empfänger bedürfen die an der Kommunikation Beteiligten keiner tiefer gehenden Wesensbestimmung mehr.

QUELLEN
Flusser: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung (Fischer 2000)
Guldin/Finger/Bernardo: Vilém Flusser (UTB 2009)

Samstag, 26. November 2011

Saussure – Jede Sprechsituation hat es in sich

Ferdinand de Saussure (1857-1913) wurde an einem 26. November in Genf geboren. Er gilt als Begründer einer "strukturalen" Sprachwissenschaft (Linguistik) und Anreger einer auch in anderen Disziplinen maßgeblich gewordenen "strukturalistischen" Methode des Zeichenverständnisses (Semiotik, Hermeneutik). Saussure verglich die Sprache mit dem Schachspiel, und zwar hinsichtlich beliebiger Stellungen, die im Laufe einer Partie zustande gekommen sind. Um die Spielmöglichkeiten zu analysieren, die sich aus einer solchen Konstellation der Schachfiguren ergeben, braucht man nichts über den bisherigen (diachronen) Spielverlauf zu wissen. Die (synchrone) Momentaufnahme enthält sämtliche Informationen, die für den Strategen nötig sind. Demnach genügt eben eine "Struktur"-Analyse, um alles zu verstehen, worauf es beim Anwenden eines Zeichensystems ankommt. Philosophisch hat dieser Denkansatz Saussures vorwiegend in Frankreich Schule gemacht, wobei von "Schule" im engeren Sinne nicht die Rede sein kann, da der Strukturalismus für Interpreten ganz unterschiedliche Spielräume bei Systemen eröffnet, die unübersichtlicher sind als das vergleichsweise leicht ausrechenbare Schachspiel – im Falle der Volkssprachen zumal.

QUELLEN
Jäger: Ferdinand de Saussure zur Einführung (Junius 2007)
Saussure: Grundlagen einer allgemeinen Sprachwissenschaft (DeGruyter 1967)

Freitag, 25. November 2011

Bachofen – Befund: Ladies first

Johann Jakob Bachofen (1815-1887) starb an einem 25. November in seiner Heimatstadt Basel. Da er einer reichen Patrizierfamilie angehörte, konnte er seine nur wenige Jahre aufrecht erhaltene akademische Stellung gegen ein zurückgezogenes Gelehrtenleben eintauschen, das freilich von vielen Forschungsreisen unterbrochen war. Im Zusammenhang dieser privaten Studien führte er den Begriff des Mutterrechts ein, den er in seinem gleichnamigen kulturanthropologischen Hauptwerk mit teils archäologisch fundiertem, teils sozialgeschichtlich zweifelhaftem Inhalt füllte. Zum Beispiel unterstellte er für die Frühzeit den häufig wechselnden Geschlechtsverkehr als Normalfall, so dass sich das Mutterrecht schlicht aus dem Umstand der in der Regel unmöglichen Vaterschaftsnachweise ergab. Jedenfalls leistete er Pionierarbeit auf einem komplexen Forschungsgebiet, das sich noch auszudifferenzieren hatte. Und solche Ansätze halfen der Frauenemanzipation des 19. und 20. Jahrhunderts wissenschaftlich wie philosophisch in die Gänge. Nach Bachofen spricht viel dafür, dass dem vermeintlich naturwüchsigen Patriarchat ein Matriarchat vorausging. Diese Abfolge kann, wie sich später erwiesen hat, zwar ethnologisch nicht verallgemeinert werden, so dass die Intuition des Schweizer Privatgelehrten fehlging. Doch allein seine mythenkundliche Relativierung der Männerherrschaft hat sich als gravierender Fortschritt im Rechtsverständnis und als ideologischer Dammbruch erwiesen.

QUELLEN
Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie (Kröner 2004)
www.deutsche-biographie.de: Bachofen, Johann Jakob

Donnerstag, 24. November 2011

Spinoza – Gott alias Natur

Baruch de Spinoza (1632-1677) wurde an einem 24. November in Amsterdam geboren. Als er 44-jährig in Den Haag starb, war sein philosophisches Hauptwerk noch nicht erschienen: Ethik, nach der geometrischen Methode dargestellt. Doch zuvor bereits war er wegen seines unter anderem bibelkritischen Denkens dem Atheismusvorwurf ausgesetzt, sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite. Dabei war Gott seine große Liebe und sein einziger Lebensinhalt. Warum dann der Vorwurf der Gottlosigkeit? Für Spinoza war Gott so einzig, dass nichts außer ihm selbstständig existieren könne, und zugleich so durchschaubar, dass die menschliche Vernunft ihn "unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit" – sub specie aeternitatis – voll und ganz zu erkennen imstande sei. Auf diese Weise sei eben die allumfassende, nämlich geistige Liebe zu Gott – amor Dei intellectualis – möglich und in diesem Sinne das höchste Glück, das Menschen widerfahren könne. Der Mensch sei damit prädestiniert, die schaffende Natur Gottes – natura naturans – einzuüben, und nicht bloß der geschaffenen Natur (natura naturata) anzugehören. Die unendliche Mannigfaltigkeit der endlichen Geschöpfe sei eine solche von Gegebenheitsweisen – Modifikationen – des Schöpfers. Deren Existenz leite sich genauso zwingend – deterministisch – aus den logischen Gesetzen ab wie (in der Form des ontologischen Gottesbeweises) die des höchsten Wesens selbst. Diese einzigartige Verbindung von Rationalismus, Naturalismus und Pantheismus stieß anfangs vielleicht nur bei dem großen Harmoniedenker Leibniz auf ein wohlwollendes Verständnis. Im darauffolgenden Jahrhundert wuchs die lose Gemeinde der "Spinozisten" zusehends, vor allem in den Reihen der deutschen Idealisten und Romantiker.

QUELLEN
Röd: Benedictus de Spinoza. Eine Einführung (Reclam 2002)
Spinoza: Die Ethik. Lateinisch/Deutsch (Reclam 1986)

Mittwoch, 23. November 2011

Radbruch – Der Begriff gesetzlichen Unrechts

Gustav Radbruch (1878-1949) starb an einem 23. November in Heidelberg. In dieser Stadt, wo er sich 1903 habilitiert hatte, baute der gebürtige Lübecker zuletzt als Dekan die juristische Fakultät wieder auf. Zwischenzeitlich war der Sozialdemokrat unter anderem Reichsjustizminister in der Weimarer Republik (1921-23). Nach der Machtergreifung Hitlers war er der erste Juraprofessor, der Lehrverbot erhielt. Rechtsphilosophisch schon früh einen Mittelweg zwischen Rechtspositivismus und Naturrecht beschreitend, stellte der Neukantianer nach der Erfahrung mit dem Nazi-Unrechtsregime eine auch international bis heute überaus wirkmächtige These auf, die sogenannte Radbruchsche Formel: "Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte [für die Rechtsprechung] dahin zu lösen sein, dass das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, dass der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, dass das Gesetz als 'unrichtiges Recht' der Gerechtigkeit zu weichen hat." Diese Begriffe eines gesetzlichen Unrechts und eines übergesetzlichen Rechts präzisierte er in der folgenden Zusatzthese: "Wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewusst verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur 'unrichtiges Recht', vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur."

QUELLEN
Kaufmann: Gustav Radbruch (Piper 1996)
Radbruch: Rechtsphilosophie (C. F. Müller 2003)

Dienstag, 22. November 2011

Mauthner – Befreiung vom Wortaberglauben

Fritz Mauthner (1849-1923) wurde an einem 22. November im böhmischen, damals kaiserlich-österreichischen Horschitz (tschechisch: Horice) geboren. Der jüdische Fabrikantensohn begann in Prag auf Anraten des Vaters ein bald abgebrochenes Jurastudium, währenddessen er den Philosophen und Physiker Ernst Mach hörte. Er entschied sich, sprachkritischer Autodidakt und freier Schriftsteller zu werden.

Die Sprache ist nach seinem Verständnis die lebendige und wundervolle Materie des Dichters; als ein solcher versuchte er sich selber mit einigem Erfolg. Für den alltäglichen Gebrauch tauge sie indessen nur bedingt und diene sie mehr als zur Verständigung zur Missverständigung. Daher eigne sie sich auch vorzüglich als Propagandamittel in Werbung und politischer Rhetorik. Gänzlich fehl am Platz erscheint sie – in Anbetracht ihres metaphorischen Charakters – in der Wissenschaft. Man könne nur Wörter zur Sprache bringen, sprich: mit anderen Wörtern umschreiben, aber keine wirklichen Dinge.

Mauthner ist in diesem Punkt ein extremer Skeptiker. Er pflichtet nicht nur den Nominalisten bei, die im mittelalterlichen Universalienstreit den "Wortrealisten" widersprachen, für die zum Beispiel über diesem und jenem einzelnen Pferd hinaus auch die allgemeine 'Pferdheit' real existierte. Die radikale Kritik der Sprache macht noch mehr Abstriche: Zwar kann von Einzeldingen die Rede sein, aber deshalb kommen sie lediglich in der psychischen Innenwelt, noch lange nicht in der Außenwelt vor. Obwohl diese uns eine Fülle von sinnlichen Eindrücken liefert, muss das alles nicht von dingfesten Gegebenheiten herrühren. Dass wir in unserem stets sprachlichen Denken Substantive verwenden, zeugt noch nicht von außersprachlichen, bewusstseinsunabhängigen Substanzen. Um einiges treffsicherer sind da schon die Adjektive und Verben im Wiedergeben der Impressionen, die wir von der Außenwelt empfangen. Am beeindrucktesten indes beweisen wir uns, wenn wir in ein gottlos-mystisches Schweigen versinken und auf diese Weise den Wortaberglauben restlos wegmeditieren.

Mauthner, der in vielem den Sprachanalysen Wittgensteins vorgriff, lebte in zweiter Ehe zurückgezogen am Bodensee, wo er 73-jährig starb. Bis zuletzt brachte er seine Einsichten ausgiebig zu Papier – 
in allgemein(miss)verständlicher Sprache.

QUELLEN
Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (Ullstein 1982)
Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha (Libelle 2010)

Montag, 21. November 2011

Voltaire – Aufklärer in Wort und Tat

Voltaire (1694-1778) wurde an einem 21. November in Paris als François Marie Arouet geboren und gilt als Galionsfigur der europäischen Aufklärung. In seiner Heimatstadt ist er 83-jährig zwar auch gestorben, doch verbrachte der scharfzüngige Schriftsteller mehr als die Hälfte seines Lebens an entfernten Zufluchtsorten. Zweimal machte er 'Station' im Pariser Staatsgefängnis, der Bastille: er hatte sich gegenüber höchsten feudalen Kreisen 'Frechheiten' herausgenommen. Ein notgedrungener mehrjähriger Englandaufenthalt übte den stärksten Einfluss auf sein philosophisches Denken aus, das er anschließend in Frankreich populär machte – vor allem das neue physikalische Weltbild von Isaac Newton und die politische Theorie des Empiristen John Locke. Voltaires Veröffentlichungen begeisterten sogar den jungen Preußenkönig Friedrich II. und später die russische Zarin Katharina II.; beide "Großen" traten mit ihm in Briefwechsel. Sein vielleicht bedeutendstes philosophisches Werk wurde angeregt, als im Jahre 1755 ein Tsunami die portugiesische Hauptstadt Lissabon heimsuchte und rund 100.000 Menschenleben forderte: 1759 erschien anonym der Roman "Candide oder Der Optimismus". Kritisch angespielt wird darin auf den im Blick auf das schwere Erdbeben wie Hohn klingenden Leibnizschen Lehrsatz, Gott habe "die beste aller möglichen Welten" geschaffen. Dennoch war Voltaire zeitlebens ein gottgläubiger Mensch, wobei er sich allerdings auf den Standpunkt beschränkte, dass ein göttlicher Welturheber nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung notwendig sei. Kirchliche Ausschmückungen dieses natürlichen Theismus hielt er jedoch allesamt für verächtlichen Aberglauben. Seine eigene Religiosität bestand in einem von moralischen Prinzipien geleiteten Leben, was er – unter anderem als Fürsprecher von zu Unrecht Beschuldigten – auch nach Kräften führte.

QUELLEN
Holmsten: Voltaire (Rowohlt 1971) 
Voltaire: Candide (Reclam 1971)   

Sonntag, 20. November 2011

Croce – Nichts außer Geist

Benedetto Croce (1866-1952) starb an einem 20. November in Neapel, wo er fast sein ganzes Leben verbracht hatte und zwei Jahrhunderte zuvor auch seine philosophische Leitfigur Giambattista Vico zu Hause gewesen war. Außerdem hatte er sehr viel übrig für das Geschichtsdenken Hegels, das er mit seinem Neuidealismus in Italien salonfähig machte. Die vier Hauptwerke des Studienabbrechers und wohlhabenden Privatgelehrten folgten dem Programm einer Philosophie als Wissenschaft des Geistes. Den Geist verstand er nicht als Substanz, sondern als reine Aktivität, als lebendiges und durch und durch weltliches Geschehen, in dem sich alles abspielt, was überhaupt ist. Insofern gilt Croce als Vertreter einer idealistischen Lebensphilosophie, die Individuelles und Allgemeines recht eigensinnig aufeinander bezieht. So schreibt er jedem Menschen ein künstlerisches Ausdrucksvermögen zu, das auf einem intuitiven Sinn für das Einzelne beruhe, der aber im verallgemeiernden wissenschaftlichen Erkennen die notwendige Ergänzung erfahre. Ähnlich abgestuft stelle sich das sittliche Leben dar, wo gewöhnlich nach der ökonomischen Devise gehandelt werde, individuelle Interessen zu befriedigen; doch mit solchen Nutzenerwägungen sei auch der überindividuelle ethische Sinn verbunden, der demnach sozusagen den längeren Lebensatem hat. Croces bekanntester Schüler ist übrigens Giovanni Gentile, mit dem er bis zu dessen Parteiergreifung für die Faschisten befreundet war.

QUELLEN
Lutz (Hg.): Metzler Philosophen Lexikon (1995)
Röd: Der Weg der Philosophie (Beck 2000)

Samstag, 19. November 2011

Dilthey – Interpretierende Wissenschaft

Wilhelm Dilthey (1833-1911) wurde an einem 19. November im hessischen Biebrich (Wiesbaden) geboren. In die Berliner Nachfolge von Hermann Lotze mündete 1882 seine Professorenlaufbahn. 77-jährig starb er in Südtirol (Seis am Schlern). Er war der vielleicht erste Gelehrte, der sich ausdrücklich als Geisteswissenschaftler sah. Und das zu einer Zeit, in der man dazu neigte, Wissenschaft überhaupt mit den Naturwissenschaften gleichzusetzen. Nach Dilthey sind die Naturwissenschaften erklärende Disziplinen, hingegen die Geisteswissenschaften verstehende. Diese haben es nämlich mit spezifisch menschlichen Lebensäußerungen zu tun, die ein ebenfalls menschlicher Forscher ganz anders erlebt, als wenn es außermenschliche Gegenstände wären. Er ist in humane Lebenszusammenhänge durch und durch eingebunden, spielt hier im wahrsten Sinne in derselben Geschichte mit. In den stets human-historischen Geisteswissenschaften gelangt man nicht durch ein Theorien überprüfendes Experimentieren zu Erkenntnissen, sondern durch ein seinesgleichen nachvollziehendes Interpretieren. Die insofern als hermeneutisch zu kennzeichnenden Geisteswissenschaften im Sinne Diltheys gründen deshalb auch nicht in einer Vernunftphilosophie, wie sie vor allem von Kant und Hegel auf die Spitze getrieben wurde, sondern in einer Lebensphilosophie, die ständig auf individuelle, daher nicht verallgemeinerbare, höchstens typisierbare Kulturleistungen Rücksicht nimmt, also 'methodisch' die Rationalität gegenüber der Vitalität hintanstellt.

QUELLEN
Dilthey: Das Wesen der Philosophie (Reclam 1984)
Fellmann: Lebensphilosophie (Rowohlt 1993)

Freitag, 18. November 2011

Bayle – Stichwortgeber eines neuen Zeitalters

Pierre Bayle (1647-1706) wurde an einem 18. November im Pyrenäendorf Le Carla geboren. Der Wegbereiter der französischen Aufklärung war Protestant mit einem katholischen Intermezzo. Mutig trat er zur Zeit der Hugenottenverfolgungen unter Ludwig XIV. nicht nur für religiöse Toleranz ein, sondern bestritt er auch mit Nachdruck die kirchliche Lehrmeinung, Atheismus und Moral wären unvereinbar. Im Zufluchtsort Rotterdam übernahm er den Auftrag, ein historisches Wörterbuch zu bearbeiten. Das Ergebnis war eine Neuausgabe, an der Bayles reichhaltige Fußnoten bei weitem publikumswirksamer waren als die korrigierten Artikel; denn die Anmerkungsteile führten ganz unterschiedliche Ansichten über die behandelten Gegenstände zusammen. Bereits ein Menschenalter vor den Enzyklopädisten hatte er somit im Alleingang ein mehrbändiges undogmatisches Nachschlagewerk zustande gebracht, das in einer Epoche des gesellschaftlichen Wandels für viel Diskussions- und Zündstoff sorgte.

QUELLEN
Vorländer: Geschichte der Philosophie. Neuzeit bis Kant (Rowohlt 1990)
Weger (Hg.): Religionskritik von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Herder 1979)

Donnerstag, 17. November 2011

Pico – Das Menschenmögliche

An einem 17. November starb in Florenz der erst 31-jährige Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). Für die knapp bemessene Lebenszeit, die er zur Verfügung hatte, eignete sich dieser neben Ficino bedeutendste Renaissance-Philosoph ein erstaunlich umfassendes, vielsprachiges Literaturwissen an, aus beiden Sphären der damaligen Welt, der abend- und der morgenländischen. Dabei war er von der Vereinbarkeit der geistigen Traditionen überzeugt – nicht nur der platonischen und aristotelischen Spielarten des philosophischen Denkens, die im Spätmittelalter viele Dispute mit sich brachten, sondern auch der jüdischen, christlichen und islamischen Glaubenslehren. Nur ein päpstlicher Bannspruch gegen ihn verhinderte es, dass sich zahlreiche europäische Gelehrte auf Einladung Picos in Rom versammelten, um über seine nicht weniger als 900 Vereinbarkeitsthesen zu konferieren. Unter dem Schutz der Medici konnte er immerhin im Rahmen der florentinischen Accademia Platonica seine Lehren weitergeben, deren Herzstück ein kühnes Verständnis der Würde des Menschen ist: Gott habe sozusagen die menschlichen Spätlinge seiner Schöpfung auf keine eindeutige Haupteigenschaft festgelegt, sondern die Kreation des Menschenwesens dem Menschen selber überlassen. Sterblich oder unsterblich, Tier oder Gott zu sein, das alles steht nach dem früh vollendeten italienischen Humanisten einzig und vollkommen in unserer Macht.

QUELLEN
Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen. Lateinisch und deutsch (Reclam 1997)
Spierling: Kleine Geschichte der Philosophie (Piper 1990)